Iran vor dem Umbruch?

Eines ist inzwischen offensichtlich: im Kampf um den Machterhalt ist das iranische Regim skrupellos: wie anders kann man sich erklären, dass bereits am Morgen des Trauertags der Ashura (dem Märtyrerjahrestags eines Neffen des Prophets) Demonstranten getötet wurden?

Es gibt widersprüchliche Berichte: zum einen sollen Polizisten angewiesen worden sein, ohne Schusswaffen auf den Kreuzungen von Anfang an eventuelle Demonstranten zu verschüchtern – auf der anderen Seite aber ist der Neffe von Oppositionsführer Moussavi tot – die Opposition behauptet, er wäre von einem Killerkommando erst überfahren und anschließend erschossen worden. Nach Montaseri ist dies bereits der zweite Tote in kürzester Zeit, welcher die Aggressionen der Opposition weiter befeuern dürfte.

Der Rhythmus der Demonstrationen wird dabei immer schneller: von früher Monaten und Wochen Wartezeit zwischen einzelnen Aktionen werden es jetzt Tage sein. Grund dafür ist auch der religiöse Trauermonat Moharram, in welchem sich die Trauertage geradezu aneinander reihen. Das Regime kann an diesen Tagen nicht viel machen, weil die traditionellen Trauerfeiern gut als Deckmantel für oppositionelle Aktivitäten nutzen lassen. An solchen Tagen Blut zu vergiessen, wie am Sonntag geschehen, ist ein grober Schnitzer: nicht einmal zum Tode verurteilte werden an diesen Feiertagen hingerichtet.
Auch scheinen bürgerlichere Milieus inzwischen offen ihre Antipathien zu bekunden: haben die Demonstrationen anfangs mit den Studenten angefangen, sieht man auf aktuelleren Bildern auch alte Menschen, Arbeiter und Frauen. Die Opposition scheint somit den Rückhalt der Bevölkerung mehr und mehr zu gewinnen – sehr wichtig, da sich nur so eine Radikalisierung der Proteste legitimieren lässt, ganz gleich, wie brutal das Regime vorgeht. Die Forderungen nach der Todesstrafe für Oppositionelle (Parlamentssprecher Ali Laridschani) sowie die großen Gegendemonstrationen der Regierungstreuen am Dienstag sollte diese kritische Menge aber sehr stark eingeschüchtert haben.
In den Straßen scheint auch allgemein die Stimmung zu kippen: noch sieht man auf Youtube Bilder von überwältigten Polizisten, welche zusammen geschrien werden und (zumindest während des Ausschnitts) nur mündlich für ihre Aktivitäten “gegen die eigene Bevölkerung” zur Rechenschaft gezogen werden. Anderorts allerdings wird man tätlich gegenüber den Polizisten, Milizen werden zu Fall gebracht und dort weiterhin zusammengeschlagen, bis ein letzter Vernünftiger “Nazanin, nazanin” ruft: nicht schlagen, nicht schlagen. Er weiß genau: trotz der Grausamkeiten des Regimes, sollten sich Bilder von unmenschlichen Aktivitäten der Demonstranten in dem frühzeitlichen Stadium der Revolution finden lassen
In naher Zukunft wird sich sicherlich nicht viel ändern, aber über einen längeren Zeitraum wird sich allenfalls das Regime zu Reformen und Neuwahlen bekennen (in dem Fall würde Khamenei seinen Schützling Ahmadinejad fallen lassen, was auch den Klerus im Land wieder erstarken lasesn würde), um den Oppositionellen den Luft aus den Segeln zu nehmen – oder einen blutigen Bürgerkrieg heraufschwören: es gibt, davon sollte man sich im klaren sein, immernoch eine große radikale bürgerlich-arme Menge, religiös und z.T. fanatisch, für welche die Religion und ein religiöser Iran das einzig Richtige sind, und welche dafür auch kämpfen werden.
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