Monthly Archives: December 2009

Iran vor dem Umbruch?

Eines ist inzwischen offensichtlich: im Kampf um den Machterhalt ist das iranische Regim skrupellos: wie anders kann man sich erklären, dass bereits am Morgen des Trauertags der Ashura (dem Märtyrerjahrestags eines Neffen des Prophets) Demonstranten getötet wurden?

Es gibt widersprüchliche Berichte: zum einen sollen Polizisten angewiesen worden sein, ohne Schusswaffen auf den Kreuzungen von Anfang an eventuelle Demonstranten zu verschüchtern – auf der anderen Seite aber ist der Neffe von Oppositionsführer Moussavi tot – die Opposition behauptet, er wäre von einem Killerkommando erst überfahren und anschließend erschossen worden. Nach Montaseri ist dies bereits der zweite Tote in kürzester Zeit, welcher die Aggressionen der Opposition weiter befeuern dürfte.

Der Rhythmus der Demonstrationen wird dabei immer schneller: von früher Monaten und Wochen Wartezeit zwischen einzelnen Aktionen werden es jetzt Tage sein. Grund dafür ist auch der religiöse Trauermonat Moharram, in welchem sich die Trauertage geradezu aneinander reihen. Das Regime kann an diesen Tagen nicht viel machen, weil die traditionellen Trauerfeiern gut als Deckmantel für oppositionelle Aktivitäten nutzen lassen. An solchen Tagen Blut zu vergiessen, wie am Sonntag geschehen, ist ein grober Schnitzer: nicht einmal zum Tode verurteilte werden an diesen Feiertagen hingerichtet.
Auch scheinen bürgerlichere Milieus inzwischen offen ihre Antipathien zu bekunden: haben die Demonstrationen anfangs mit den Studenten angefangen, sieht man auf aktuelleren Bildern auch alte Menschen, Arbeiter und Frauen. Die Opposition scheint somit den Rückhalt der Bevölkerung mehr und mehr zu gewinnen – sehr wichtig, da sich nur so eine Radikalisierung der Proteste legitimieren lässt, ganz gleich, wie brutal das Regime vorgeht. Die Forderungen nach der Todesstrafe für Oppositionelle (Parlamentssprecher Ali Laridschani) sowie die großen Gegendemonstrationen der Regierungstreuen am Dienstag sollte diese kritische Menge aber sehr stark eingeschüchtert haben.
In den Straßen scheint auch allgemein die Stimmung zu kippen: noch sieht man auf Youtube Bilder von überwältigten Polizisten, welche zusammen geschrien werden und (zumindest während des Ausschnitts) nur mündlich für ihre Aktivitäten “gegen die eigene Bevölkerung” zur Rechenschaft gezogen werden. Anderorts allerdings wird man tätlich gegenüber den Polizisten, Milizen werden zu Fall gebracht und dort weiterhin zusammengeschlagen, bis ein letzter Vernünftiger “Nazanin, nazanin” ruft: nicht schlagen, nicht schlagen. Er weiß genau: trotz der Grausamkeiten des Regimes, sollten sich Bilder von unmenschlichen Aktivitäten der Demonstranten in dem frühzeitlichen Stadium der Revolution finden lassen
In naher Zukunft wird sich sicherlich nicht viel ändern, aber über einen längeren Zeitraum wird sich allenfalls das Regime zu Reformen und Neuwahlen bekennen (in dem Fall würde Khamenei seinen Schützling Ahmadinejad fallen lassen, was auch den Klerus im Land wieder erstarken lasesn würde), um den Oppositionellen den Luft aus den Segeln zu nehmen – oder einen blutigen Bürgerkrieg heraufschwören: es gibt, davon sollte man sich im klaren sein, immernoch eine große radikale bürgerlich-arme Menge, religiös und z.T. fanatisch, für welche die Religion und ein religiöser Iran das einzig Richtige sind, und welche dafür auch kämpfen werden.

Krugman Lesung bei der LSE im Herbst 2009

Professor Paul Krugman, u.A. Wirtschaftsnobelpreisträger 2008, hielt im Herbst diesen Jahres eine dreigeteilte Lesung zum Thema “The Return of Depression”. Das ganze ist netterweise im iTunes U Kanal der LSE verfügbar, weswegen sich jederman das ganze kostenfrei über den iTunes Store besorgen kann. Gerade in der Weihnachtszeit, wo viel gefahren wird, ist es nett, beim Bahnfahren die Krise ein (weiteres) Mal aufgeschlüsselt bekommen. Krugman macht das sehr gut, man kann kann ihm relativ problemlos folgen:


Er ist dabei auch selbstkritisch, schildert so z.B. auch seine Abkehr vom Monetarismus im ersten Teil. Das riesige Wissen und das großartige Verständnis verschiedener Makroökonomischer Effekte sowie die Fähigkeit, alles miteinander zu verbinden und immer wieder alte Geschehnisse zum Teil in Verbindung mit den Vorkommnissen der Krise in Verbindung zu bringen sind dabei die Hauptgründe, warum man sich zum X-ten Mal jemanden anhören sollte, der die Krise auseinander nimmt.

Es geht dabei mitnichten nur über die Krise, im ersten Teil resümiert Krugman auch über den Fall Japan und die resultierenden Folgerungen aus der Liquititätsfalle; im dritten Teil wiederholt im Groben die Entwicklung der Makroökonomik und den eigentlichen Grundkonflikt zwischen Neo-Keynsianern und RBC-Anhängern.

Understanding Differences in Hours Worked (R. Rogerson)

Für mich selbst habe ich eine Kurzzusammenfassung des Rogerson-Textes erstellt, welchen ich (im Sinne der Nicht-Rivalität von Wissen 😉 ) der Allgemeinheit nicht vorenthalten möchte. Ich freue mich, wem es was nützt. Natürlich musste ich dabei für mich selbst definieren, was wichtig ist – anders geht es bei 50 Seiten Text nicht. Wer wichtig anders definiert, hat Pech gehabt.

Rogersons Arbeit behandelt die aggregierte Arbeitszeit. Bei internationalen Vergleichen zieht er dabei neben der gewöhnlichen Wochenstundenzahl auch andere Faktoren wie durchschn. Ausfallzeit durch Krankheiten, Urlaub, Feiertage etc mit ein. Er normiert dabei bei sämtlichen Statistiken und Vergleichen die USA auf 1 und vergleicht mit ebendiesen.

Die erste Beobachtung ist eine riesige Divergenz und Differenz der aggr. Arbeitszeit verschiedener OECD Staaten im Vergleich zu den USA (enormous) – die Daten differieren um mehr als 20%.

Anschließend geht er auf die Wohlfahrtsverluste durch ineffiziente Arbeitszeiten ein (S. 367, 368). Er berechnet mittels des neolk. Wachstumsmodells die “Kosten” einer Restriktion der Arbeitszeit. Bei empirisch-geschätzten Daten betragen diese um die 10% – und proportional steigend zum Volkseinkommen. Auch wenn dies keine absolut korrekte Angabe ist und von diversen Beobachtungen und Statistiken ausgeht, wird seine Hauptaussage von diesem Wert klar unterstrichen.

In den Kapiteln 3 werden aggr. Arbeitszeitkurven verschiedener OECD-Staaten gezeigt. Diese werden je nach Verhalten in verschiedene Gruppen eingeteilt. Im vierten Kapitel werden diese Graphen mit der AL-Quote verglichen. Folgende sind die wichtigsten Aussagen:

  1. Die Arbeitslosenquote in Europa steigt von 1970-1990 um 6%, bleibt anschließend etwa konstant.
  2. Die Unterschiede der AL-Quoten Europa:Amerika steigen ab 1980 stark an.
  3. Das Verhältnis aggr. Arbeitszeit Europa/US sinkt von 1955-2000 von von 110% auf 70%.
  4. Die aggr. Arbeitszeitunterschiede im Vergleich zu den US können nur zu einem kleinen Teil durch verschiedenen AL-Quoten erklärt werden.

Folgendes sind die Folgerungen:

  1. Es wurde zuwenig in Sachen aggr. Arbeitszeit geforscht, sie ist wichtiger als Forschung in AL-Quote. Denn:Die Annahme, dass Arbeitsangebote in allen Wirtschaften gleich sind und alle Unterschiede in verschiedenen Arbeitszeiten durch verschiedene AL-Quoten erklärbar sind, falsch ist. (lange Ausführung Seiten 380-382).
  2. Es gibt zwei besonders starke”Driving Forces” für diese Phänomene in der aggr. Arbeitszeit: Technologie und Staat
  3. Eine höhere Technologie führt zu einem niedrigeren Arbeitszeitniveau (5.2).
  4. Der Staat kann durch seine Verteilungs- und Steuerpolitik verschiedene Anreize zum Arbeiten geben und somit die aggr. Arbeitszeit beeinflussen. (5.3) Dieser stehen ihm vier große (in Sachen Effekt) Alternativen zur Verfügung.
  5. Investitionen in allg. für den HH irrelevante Güter (z.B. Armee, Bürokratie) haben keinen Effekt auf die Arbeitszeit.
  6. Subventionen elementarer Konsumgüter (Rücktransfers an die HHe) verringern die Arbeitszeit.
  7. Investitionen in allg. für den HH nützliche Güter (Bildung) erhöhen die Arbeitszeit.
  8. Investitionen in Sozialsysteme verringern die Arbeitszeit.
  9. Weder Technologie noch Staat alleine erklären diverse Unterschiede in den Verläufen der aggr. Arbeitszeiten
  10. Es besteht eine positive Korrelation zwischen freizeitunterstützenden Staatsausgaben und aggr. Arbeitszeit, welche mit der Zeit zunimmt (0,1 bis -0,5).
  11. Die Technologiedifferenzen gerade nach dem zweiten Weltkrieg hingegen und die “Aufholjagd” der europäischen Staaten erklärt z.T. desweiteren Unterschiede in den Verläufen der Kurven.
  12. Nachdem man die Arbeitszeiten disaggregiert, kann man weitere Gründe für verschiedene Verläufe finden: vor allem steigende Arbeitszeiten der Frauen sind hier zu nennen.

Im folgenden versucht Rogerson, Gründe für verschiedene Arbeitszeiten und Arbeitsquoten in den Ländern zu finden und die Situation weiter zu analysieren. Er gibt ferner einen Ausblick in die Arbeit, welche noch getan werden muss. Dies ist allerdings zum Verstehen der Hauptaussage seines Textes nicht zwangsläufig notwendig.

Großayatollah Montaseri ist gestorben

Mit Großayatollah Montaseri (Montazeri im engl.) verliert sowohl der Klerus als auch die Reformbewegung Irans ihren Schlüsselspieler. Obgleich er sich nicht in den Vordergrund drängte, war er ungleich angesehener in theologischen Fragen als sein Kontrahent Khamenei.

Bei der Gründung des islamischen Staates war Montaseri einer der Gründungsväter, auch dies zeigt die Akzeptanz seiner Schule bereits zu damaligen Zeiten bei einem wichtigen Großteil der islamischen Vertretern. Als er allerdings vor dem Ablebens Khomeinis staatliche Praktiken wie Folter kritisiert, wird er vom designierten Nachfolger zum Ausgestossenen. In Ghom, dem Zentrum des Klerus, wird er zum Hausarrest verurteilt und verfolgt von dort aus weiter seine Linie: in Schriften befürwortet er die Trennung von Klerus und Politik; der islamische Beirat soll nur eine beratende Funktion inne haben.

In junger Vergangenheit verurteilte er aufs schärfte die staatlichen Reaktionen auf die Demonstrationen. Die Regierung Ahmadinejads, so Montaseri, habe ihre Legitimität verloren. Die iranische Opposition hat keinen Mann, der es in Sachen religiöser Kompetenz sowie Akzeptanz und Reputation mit Montaseri aufnehmen kann: seine Lücke kann nicht geschlossen werden.